Besonderheiten

Wir stellen in dieser Rubrik von Zeit zu Zeit Besonderheiten aus unserer Vereinsbibliothek vor.

 

Unsere Sammlung alter Hamburg-Führer

präsentiert von Lilja Schopka-Brasch

In unserer Vereins-Bibliothek findet sich eine umfangreiche Sammlung historischer Reiseführer, die die Entwicklung Hamburgs und seiner Umgebung abbildet, darunter sind Exemplare, die es nur noch in unserer Vereinsbibliothek gibt. Aus dieser Sammlung wurde bereits ein Hamburg-Führer bei unseren „Besonderheiten“ vorgestellt (siehe unten im Anschluss an diesen Text: Ein besonderer Reiseführer). Nun folgen weitere Informationen zur Sammlung und zu einzelnen Ausgaben.

Die Sammlung umfasst 287 Reiseführerexemplare diverser Ausgaben und Auflagen aus vier Jahrhunderten. Der Sammler Richard Firch erläutert seine Auswahl:

Unter dem Begriff ‚Hamburg-Führer‘ habe ich alle Stadtbeschreibungen (Topographien) handlichen Formats zusammengefasst, deren Zweck es war, den ‚Einheimischen und Fremden‘ einen Überblick über die Stadt (und deren Umgebung) und über die für die Reisenden interessanten Einrichtungen und Sehenswürdigkeiten zu vermitteln. Sie beschreiben entweder die Stadt (und Umgebung) insgesamt oder auch nur einzelne Stadtteile wie Altona, Harburg und Bergedorf. Einbezogen wurden Veranstaltungsführer mit einer Beschreibung Hamburgs. Hafen- und Wanderführer ohne Stadtbeschreibung sowie Führer, die nur einzelne Institutionen beschreiben, und sogenannte Verkehrsbücher wurden nicht berücksichtigt, desgleichen keine Reisehandbücher, die in einem größeren Zusammenhang auch Hamburg beschreiben wie […] der Baedecker.

Erschließen lässt sich die Sammlung mittels einer Bibliografie, die Richard Firch auf Grundlage seiner Sammlung sowie umfangreicher Recherchen in weiteren Privatsammlungen und Bibliotheken erstellt hat, chronologisch nach Verlegern geordnet. Hier hat er Stadtführer von 1668 bis 1939 erfasst und Abbildungen zahlreicher Einbände mit aufgenommen. Einleitend gibt er einen Überblick über die Geschichte der Reiseführer und ihrer im 19. Jahrhundert einsetzenden rasanten Entwicklung. Technische Neuerungen im Buchdruck, aber auch Veränderungen im Stadtbild und die zunehmende Zahl Reisender durch den Ausbau der Verkehrsnetze steigerte die Nachfrage nach Reisehandbüchern und machte ihre stetige Aktualisierung notwendig.

Nach Richard Firchs Recherchen stammt der älteste Hamburg-Führer aus dem Jahr 1668. Der Autor Kunrat von Hövelen schildert darin zunächst die Geschichte Hamburgs von ihren Anfängen bis ins ausgehende 13. Jahrhundert. Er beschreibt die Stadt und ihre Kirchen, die nähere und weitere Umgebung, kommentiert Kulturelles und Kulinarisches und informiert über Unterbringung und Unterhaltung. Seine Ausführungen untermalt er mit zahlreichen Zitaten früherer Geschichtsschreiber. vhg bib besonderheiten Reisefhrer 2 Signatur AII2a 0042

vhg bib besonderheiten Reisefhrer 1 Signatur AII2a 001

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Hamburgs Annehmlichkeiten von einem Ausländer beschrieben“ führen uns ins Hamburg des ausgehenden 18. Jahrhunderts. In Briefen schildert der Autor die Anreise per Schiff und auf dem Landweg, beschreibt Spaziergänge in und um Hamburg und erläutert Ess- und Trinkgewohnheiten der Einheimischen. Die erweiterte Neuauflage enthält neben weiteren Spaziergängen 134 Paragrafen mit praktischen Informationen zu Ankunft, Aufenthalt und Abreise mit detaillierten Angaben zu Sitten und Bräuchen, zu Preisen sowie Verhaltensempfehlungen für Ortsfremde, Geschäftsleute wie privat Reisende.

Heinrich Meyers „Fremdenführer oder Hamburg und seine Umgebung“ von 1827 erschien wenige Jahre nach dem Ende der Franzosenzeit mit folgender Begründung:

„Die seit Hamburgs Wiedergeburt, sowohl innerhalb seiner Mauern, als außerhalb derselben Stattgehabten mannigfachen und bedeutenden Veränderungen der staatswirthschaftlichen Verhältnisse und örtlichen Beschaffenheit, führten natürlicher Weise auch sehr bald das Verlangen nach einem neuen statistischen und topografischen Handbuche, einem sogenannten Wegweiser für Fremde, herbei.“

Dieser Reiseführer beschreibt die Stadt vor allem anhand von Institutionen, Gebäuden, Vereinen und Gesellschaften sowie Denkmälern. Detailliert beschriebene Spazierrouten erschließen das Umland. Ein umfangreiches Verzeichnis enthält Adressen von Konsulaten, Ärzten, Juristen oder Fremdsprachenlehrern, von Unterkünften, Speiselokalen und Postämtern. Ein Stichwortverzeichnis gibt schnelle Orientierung.vhg bib besonderheiten Reisefhrer 3 Signatur AII2a 013a

Schon diese kleine Auswahl lässt erkennen, dass die Sammlung Einblicke in städtebauliche, sozialgeschichtliche oder verkehrstechnische Entwicklungen gibt. Seit den 1850er Jahren wurden die Hamburg-Führer auch als Werbeträger genutzt. Mehr über unsere Hamburg-Führer können Sie demnächst in dieser Rubrik erfahren.

 

vhg bibliothek besonderheiten 1

Eine besonderer Reiseführer

Dem Verein wurde eine Sammlung Reiseführer aus der Zeit vom 17. bis 20. Jahrhundert von einem Mitglied gestiftet (siehe oben)

Aus dieser Sammlung möchten wir einen in Hamburg nur in unserer Bibliothek vorhandenen Titel vorstellen:

"Richtiger Wegweiser auf Reisen von der Stadt Hamburg und anderen großen Städten durch ganz Deutschland nebst Meilenanzeiger und Verzeichniß aller Münzen die in Deutschland gangbar sind, wie auch christliches Gebetbuch und Gesänge zur Haus-Andacht und auf Reisen zu gebrauchen."
(erschienen ca. 1780 mit einem Titelkupfer von 1765; Druck: A. P. Wichers. 216 Seiten, 1 Faltplan)

Darin enthalten, ist die mutmaßlich älteste Beschreibung St. Paulis.

Wenn Sie mehr darüber in Erfahrung bringen wollen und im alten "Wegweiser" blättern möchten, freuen wir uns über Ihren Besuch in der Vereinsbibliothek.

 

 

Weitere Besonderheiten

 

Antje Büttner präsentiert uns ein außergewöhnliches Fotoalbum, das "Die Bergung der Avaré" zeigt:
Die zur Vorlage beim Seefahrtsamt erstellte Dokumentation der Bergung des im Juni 1922 gekenterten brasilianischen Dampfers Avaré. Die Mappe mit 24 Originalfotografien wurde im Auftrag der Bugsier Bergungs- und Rettungsgesellschaft vom Hamburger Fotografen Otto Reich erstellt.

Die vordere Umschlagseite ist beschriftet mit:

Die Bergung der "Avaré"
Brutto Reg. T 8227.  Netto Reg. T 4952
gekentert im Hamburger Hafen am 16. Juni 1922.
aufgerichtet am 17. August 1922.
Überreicht durch die
Bugsier-, Reederei-und Bergungs-Aktiengesellschaft.

Am linken Rand befindet sich eine handgemalte Flagge in den Farben rot, weiss, weiss, blau mit den Buchstaben B /R/ B /A. Seit 1919 das Firmenzeichen der Bugsier AG, dem damals größten Schleppbetrieb Hamburgs, der 1866 unter der Bezeichnung "Vereinigte Bugsir-Dampfschiffgesellschaft" gegründet wurde. Im Inneren der Mappe zunächst ein "Inhalts-Verzeichnis" mit Datierung und kurzer Beschreibung der folgenden 24 Fotografien, beginnend am Tag des Unfalls. Fast alle Aufnahmen am rechten unteren Rand, über dem Stempel des Fotografen numeriert. Die Zahlen, schon im Negativ eingefügt, weichen von der Chronologie der Übersicht ab.

bibliothek besonderheiten avare 2017 
Zur Geschichte der vorangegangenen Havarie: Nach einer Generalüberholung auf der Vulkanwerft kenterte der Dampfer beim Ausdocken. 26 Seeleute und 13 Hafenarbeiter fanden den Tod. Ursache des Unglücks war die unzureichende Auffüllung des Doppelbodentanks. Die frei beweglichen Wassermassen gerieten beim Andrehen der Schleppkähne in Bewegung und brachten das Schiff in die verhängnisvolle Seitenlage. ”Vier Schlepper hatten das brasilianische Schiff rückwärts aus dem Dock verholt. Es neigte sich sogleich stark nach Backbord, wobei die offenen Bullaugen bereits Wasser übernahmen, richtete sich kurz wieder auf, krängte hinüber nach Steuerbord und kam dabei schließlich zum Kentern.”(www.fof-ohlsdorf.de)

Für die Bergung des im Ellerholzhafen liegenden Schiffes wurden am Kai des Schuppens 132 Holzpfähle in den Boden gerammt als Halt für 22 schwere Dampfwinden (Zugkraft 5 Tonnen), deren Zugseile und Flaschenzüge zur Avaré führten. Die Aufstellung der Winden (Firma Podeus) ist auf der Abbildung mit der Ziffer 26 in unserem Album zu finden. Die letzte Fotografie der Mappe zeigt die Situation nach der erfolgreichen Aufrichtung am 7. September 1922. Eine ausführliche Beschreibung der Bergungsarbeiten mit tagelangen Tauchgängen, dem Einsatz von neuen Hebelböcken, Bergungsschiffen und Hebekränen findet sich in der im Herbst 2016 erschienenen Jubiläumsschrift: “150 Jahre Bugsier” von Jan Mordhorst.

Ursprünglich stammte die Avaré von der Bremer Vulkan Werft (Stapellauf 5.12.1912) und wurde vom Nordtdeutschen Lloyd unter dem Namen “Sierra Salvada” als Fracht-und Passagierschiff für die Südamerika-Route genutzt. 1917 beschlagnahmt, fuhr sie nach Ende des Ersten Weltkrieges unter brasilianischer Flagge für die Lloyd Brasileiro, die das Wrack nach dem Unfall unbedingt loswerden wollte. Der Berliner Reeder und Kaufmann Victor Schuppe kaufte die Avaré dann 1923, ließ sie umbauen und mit einem zweiten, blinden Schornstein versehen. Nichts sollte mehr an die unglückliche Havarie erinnern. Als “Peer Gynt” wurde das Schiff fortan für Kreuzfahrten ab Hamburg eingesetzt. Bis zur Abwrackung 1963 in Wladiwostok fuhr der Dampfer schließlich unter drei weiteren Namen bei verschiedenen Reedern.

bibliothek besonderheiten 2

Historisch wertvoll kann man den fotografischen Bericht über die bis heute größte Bergungsaktion im Hamburger Hafen nennen. Als Zeitdokument liefert die Bilderfolge bei näherer Betrachtung viele Hinweise zum damaligen Stand der Hafen-und Bergungstechnik, den Arbeitsprozessen und Unternehmensverbindungen in und um den Hamburger Hafen. Die Fotografien sind von ausgezeichneter Qualität, bis in den Hintergrund sind viele Details zu erkennen. Aufgrund des großen öffentlichen Interesses erhielten verschiedene Hamburger Institutionen eine Ausgabe des Bergungungsberichts, darunter auch der Verein Hamburger Rheder. Aus deren Dankesschreiben vom 20. Dezember 1922 :
“Das Werk verdeutlicht in überaus anschaulicher Weise eine Tätigkeit, die Ihre Firma unter den schwierigsten Verhältnissen mit dem Willen auf Gelingen übernahm und mit einem Resultat durchführte, für das dem deutschen Bergungswesen und insbesondere der Bugsier-, Reederei- und Bergungs-A.G. die Anerkennung und weiterer erfolgreicher Aufstieg zweifellos nicht versagt bleiben wird.”

Die Herkunft unseres Exemplars ist noch nicht geklärt, die darin enthaltenen Originalabzüge aus Silbergelatine sind mittlerweile ein wenig angegriffen. “Ausssilbern” nennt man den Prozess, der durch den Lichteinfluss der vergangenen Jahrzehnte in Gang gesetzt wurde. Daher befindet sich das Album jetzt im blauen Schrank der Bibliothek des Vereins für Hamburgische Geschichte bis es für den nächsten interessierten Nutzer herausgeholt wird. Im Lesesaal des Staatsarchivs ist es möglich eine Sammlung von Zeitungsartikeln zu der Schiffshavarie von 1922 einzusehen. 

"Die Bergung der Avare" Signatur AVI 3c/158

(Vgl. dazu auch: Jan Mordhorst, 150 Jahre Bugsier. 2016, Signatur A.VI.3.c / 157)

 

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