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Besonderheiten

Wir stellen in dieser Rubrik von Zeit zu Zeit Besonderheiten aus unserer Vereinsbibliothek vor.

 

Des Hauptpastors schwungvolle Predigten auf St. Jacobis Kanzel

präsentiert von J.R.

Zu den ältesten Werken in der Bibliothek gehört Der rechtschaffne Naturalist mit seinem christlichen Auge und Herzen bey natürlichen und weltlichen Dingen. In sechszig erbaulichen Betrachtungen abgebildet und ausgefertiget von Christian Samuel Ulber, Pastor zu St. Jacob in Hamburg.

vhg bib besonderheiten Pastor Ulber 1

1. Vom Theologiestudent zum Prediger Christi

Christian Samuel Ulber (8/1714-8/1776), Theologe, Gelehrter, Seelsorger, Autor, Prediger, war fast zwanzig Jahre lang der leitende Pastor einer der fünf Hauptkirchen im Zentrum der Stadt, St. Jacobi an der Steinstraße. Geboren in Schlesien und schon durch Vater und Großvater religiös geprägt, begann Ulber 1732 ein Studium der Theologie und Philosophie in Jena. Nach einiger Zeit als Hauslehrer und Erzieher trat er in den Dienst der Kirche. Im Landeshuter Kirchenbuch wird er von 1741 bis 1757 als Prediger im Ort oder Kreis Landeshut in Niederschlesien aufgeführt.

Im Herbst 1757 übernahm Ulber das Amt des Hauptpastors an St. Jacobi in Hamburg, nachdem 1756 der bisherige Pfarrer Erdmann Neumeister nach 50jähriger Tätigkeit verstorben war. Vermutlich war er durch seine Predigten und Schriften bekannt geworden, sodass der Rat der Stadt und die Gremien der Kirchspiele seine Wahl befürworteten, oder man lud den schlesischen Gelehrten ein, nachdem ein Theologe aus Danzig ein entsprechendes Angebot nicht angenommen hatte. Nach fast 20jähriger intensiver Tätigkeit konnte er aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen seine Pflichten nicht mehr erfüllen; Ulber starb im Sommer 1776 in Hamburg.

Noch vor seiner Berufung zum Hauptpastor in Hamburg war er 1754 zum Ehrenmitglied der Königlichen Deutschen Gesellschaft ernannt worden, eine Vereinigung zur Pflege und Förderung der deutschen Sprache. Eine Abhandlung zu diesem Anlass betitelte er Gedanken von der wahren Ehre eines Gelehrten, in einem Danksagungsschreiben entworfen, von einem geehrten Mitgliede in Schlesien. Hierin schreibt er (p294): `Sie haben mich dadurch, daß Sie mich zu Dero Mitgliede zu erwählen beliebet, recht mit Gewalt auf hohe Gedanken gebracht, und ich finde in dieser Wahl so etwas reizendes, daß ich es mir zu einer Schande rechnen würde, wenn ich daraus nicht eine Ehre erkennen wollte.‘ (Ulbers Text ist abgedruckt in Der Königlichen deutschen Gesellschaft in Königsberg Eigene Schriften in ungebundener und gebundener Schreibart. Erste Sammlung. Königsberg 1754, p283-296).

Während seiner Tätigkeit in Hamburg ehrte ihn 1767 die Universität Wittenberg zum Poeta Laureatus als hohe Auszeichnung für seine dichterischen Arbeiten in Form von geistlichen Liedern und kirchlichen Texten.

 

2. Ulbers zahlreiche Schriften im Dienste Gottes

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Vor und während seiner Zeit in Hamburg verkündete der Pastor seine Gedanken, er veröffentliche auch Auszüge der Predigten oder ließ seine Texte in Gänze drucken. Er publizierte Festandachten, Trauerreden (Die mächtige Gnade Gottes in ohnmächtigen Menschen), Passionspredigten (beispielsweise Gottgeheiligte Betrachtungen über den leidenden und sterbenden Jesu in zwölf Predigten, gehalten in Landeshut, in zweiter Auflage gedruckt 1757) und Der christliche Kreuzträger, oder erbauliche Betrachtungen über das menschliche Elend des Leibes und der Seele, welche zur Erweckung der Sichern, zur Befestigung der Schwachen, und zum Trost der Betrübten, unter göttlichem Beystande entworfen und dem öffentlichen Druck überlaßen (Hamburg 1760). Ob seine unterschiedlichen Predigten genauso gehalten wurden, oder ob sie erst in weiter ausgearbeiteter Form gedruckt wurden, ist nicht ersichtlich.

Ulber äußerte sich vielleicht auch zu einer der größten Naturkatastrophen der Zeit. Anlässlich des verheerenden Erdbebens in Lissabon im November 1755 mit bis zu 100.000 Toten und fast totaler Zerstörung der Stadt samt der meisten Kirchen erschien diese Predigt: Die Canzel Gottes auf dem Steinhaufen zu Lissabon. Ob diese Angaben zutreffend sind, ist nicht mit Sicherheit festzustellen, zumal Johann Melchior Goeze, seit 1755 Hauptpastor an St. Katharinen, in einer seiner Kanzelreden, gehalten am 11. März 1756, ebenfalls von einem Steinhaufen in Lissabon gesprochen hat.

Pastor Ulber, Theologe und Gelehrter, scheint noch kaum Gegenstand der Forschung gewesen zu sein. Nur eine begrenzte Anzahl digitaler Quellen steht zur Verfügung; ohne Archiv-Recherchen oder Zugang zu Primärliteratur sind manche Angaben mit Zurückhaltung zu betrachten, insbesondere variabel angegebene und nicht überprüfbare Nennungen.

 

3. Politik und Kirche

Wie es zu diesen Zeiten üblich war, widmete ein Autor sein Werk einer hochgestellten Per­son. Ulber dedizierte sein Buch Der rechtschaffne Naturalist `Dem Magnifico Hochedelgebohrnen und Hochgelahrten Herrn, Herrn Jacob Schuback, beyder Rechten Licentiaten, der Kayserlichen freyen Reichsstadt und Republik Hamburg Hochansehnlichem Syndico, Meinem Hochzuverehrenden Herrn und Hochgeschätzten Gönner´.

Die Familie Schuback genoss in Hamburg einiges Ansehen. Vater Nicolaus Schuback (1700-1783) hatte zwölf Jahre vor Ulber ebenfalls in Jena studiert, war Jurist, 1742 als Ratsherr zu Verhandlungen beim Dänischen König und zwischen 1754 bis 1782 Bürgermeister Hamburgs. Sohn Jacob (1726-1784), Ulbers Wohltäter, dessen Gewogenheit `ich wirklich zu einem besondern Troste meines Lebens rechne‘, bekleidete eine wichtige Funktion als Berater oder auch als Vertreter des Senats bei bedeutenden Sitzungen. So war er 1771 Gesandter beim Reichstag in Regensburg, bei dem sich zwischen 1594 und 1806 die Stände des Heiligen Römischen Reichs ver­sammelten. Neben seiner politischen Tätigkeit komponierte er Oratorien, Choräle, Kantaten und verfasste theologische Schriften. Diese Interessen könnten den Politiker und den Kirchenmann verbunden haben.

vhg bib besonderheiten Pastor Ulber 3neuOffensichtlich gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem neuen Pastor und den beiden Hamburger Persönlichkeiten. Welcher Zusammenhang aber zwischen Christian Samuel Ulber und Vater und Sohn Schuback und seiner Berufung nach St. Jacobi bestand, und in welcher Weise sie ihn genau gefördert haben, ist ohne detaillierte Untersuchungen nicht festzulegen. Die, wie auch heute in Hamburg, enge Verflechtung zwischen Wirtschaft, Politik, Kirche und Gesellschaft wird vermutlich eine Rolle gespielt haben.

Im 18. Jahrhundert war Deutschland ein Verbund von mehr als 300 Territorial-Fürstentümern und freien Städten. Bis 1806 gehörten die Kleinstaaten zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Religion und Kirche zusammen sicherten Staat und Gesellschaft; Gesetze und Ordnung waren Aufgabe der Landesherren, für Sittlichkeit und Tugend waren Kirchen und Religion zuständig. Wie Bürgermeister Schuback in seiner Stadt die weltlichen Belange regelte und Senatssyndicus Schuback die politisch-geschäftlichen Bezüge, setzte sich Hauptpastor Ulber nach Kräften für die inneren Werte der Bevölkerung ein.

 

4. Abwendung vom Gottesglaube und kirchliche Gegenbemühungen

Im Nachhall der Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts bis hinein in das 18. Jahrhundert verloren Religion und Kirchen langsam an Wichtigkeit, ihre Bedeutung für die Erziehung wurde schwächer, ein Rückgang der Frömmigkeit war zu bemerken. Die Leute gingen weniger in die Kirche, katholische Seelenmessen nahmen ab, ebenso wie die Beteiligung am evangelischen Abendmahl.

Um der schwindenden Wertschätzung der Kirche und der nachlassenden Gläubigkeit entgegenzuwirken, bemühten sich protestantische Theologen, die Menschen zu Bibel und Gott zu führen. Ihr Amt und ihre Bemühungen verstanden sie als Vorbildfunktion, denn die `Gottesgelehrten‘ verstanden sich als `Wegweiser‘ und jeder von ihnen, `muß billig voran steigen, damit ihm andre nachfolgen‘ (Vorbericht XIII). Und hierbei kam der Ansprache von der Kanzel große Wichtigkeit zu: `Der Glaube kommt aus der Predigt. Wie sollen sie glauben, von dem sie nichts gehöret haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?‘ (32. Betrachtung, Ueber das Gehör, §2).

In Sinne der evangelischen Frömmigkeitsbewegung sprach und schrieb St. Jacobis Pastor unermüdlich, `um vielen den in seinen Werken noch unbekannten Gott theils bekannter, theils auch dadurch liebens- und anbethenswürdiger zu machen‘ (Vorbericht IX).

Ulbers Buch zählt zur Erbauungsliteratur des 18. Jahrhunderts, deren Ansinnen es war, zu christlich-tugendhaftem Leben anzuleiten, das soziale Denken zu fördern und damit nicht zuletzt der Beziehung von Gemeinde und Kirche zu dienen. Veröffentlichungen umfassen Dichtungen wie Kirchenlieder und religiöse Schriften wie Predigtsammlungen, Bekehrungsgeschichten, Heiligenlegenden oder Meditationen über die Passion Christi. Ihr Ziel es ist, dem Leser Ehrfurcht vor dem Göttlichen zu vermitteln und die Hinwendung zum Glauben zu fördern.

Derartige Schriften waren weniger `für die Gelehrten‘ bestimmt, `denn die können selber denken, als vornehmlich für den Ungelehrten und gemeinen Mann‘ (Vorbericht XIX). In entsprechender Weise musste die Botschaft von der Kanzel formuliert sein, um die Menschen in der Stadtkirche, in der Dorfkapelle oder auf den Seiten eines Buchs anzusprechen.

 

5. Der rechtschaffne Naturalist

Eine von Ulbers Veröffentlichungen nennt sich Der rechtschaffne Naturalist. Dieses Buch erschien zuerst 1765, 1766 in zweiter Auflage und bereits 1769 in dritter Ausgabe mit 611 Seiten, weitere folgten. Ein Exemplar dieser Ausgabe ist im Besitz der Bibliothek (Signatur A.XI.1 /182, nur dort zu lesen).

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Das Werk enthält eine Sammlung von fünf Dutzend Predigten. In welchem Jahr sie gehalten wurden, ist nicht angegeben, wohl aber an welchem Tag: 2. Weihnachtstag, 5. Sonntag nach Epiphanias oder 25. Sonntag nach Trinitatis. Als Betrachtung betitelt werden verschiedene Bibelstellen ausgelegt. Eine Widmung eröffnet das Werk, und eine Einführung, genannt Vorbericht, bereitet den Leser auf die folgenden Ausführungen vor. Am Ende findet sich ein ausführliches Verzeichnis `der vorkommenden wichtigsten Sachen‘ in Stichworten wie Ausdünstung, Austern, Bimstein, Esel, Gewitter, Nase, Ungeziefer oder Würmlein und der angeführten Bibelstellen.

Ausgehend von Schriftstellen, die zu bestimmen Zeiten, Tagen oder Anlässen angebracht sind, illustriert Ulber wortreich seine Ausführungen. Basierend auf Versen aus dem Alten und Neuen Testament, greift der Pastor zu Vergleichen aus dem täglichen Leben, die jedem bekannt und zugänglich sind. Um seine Zuhörer- und Leserschaft für seine Erläuterungen zu begeistern, werden Bäume, Mond, Sterne, Berge, Winter, aber auch Wein, Sprache oder das Verhalten einer Henne eingespannt. Gelegentlich werden seine Aussagen eher gebetsartig formuliert. Seine rhetorischen Fähigkeiten haben vermutlich Zuhörer und Leser beeindruckt und hoffentlich zu ihrer frommen Erbauung beigetragen.

Wie in Ulbers Widmung zu lesen ist, hat sein Buch `die Ehre Gottes, die Beförderung des Christenthums, und das Heil der Seelen zum Zweck‘. Doch er will nicht nur Seelen retten, sondern auch `den Unglauben mit allerley Wehr und Waffen […] bekämpfen‘ (Vorbericht XI). Seine Worte in Schriften und Predigten sind dafür im Einsatz, sie fesseln Leser und Kirchengemeinde gleichermaßen.

 

6. Der Hamburger Pastor weist den Weg zu Frömmigkeit und Seelenheil

Das Frontispiz erlaubt die Vorstellung, wie Pastor Ulber, gewandet in schwarzem Talar und weißer Halskrause, bedeckt mit Amtsperücke, vor sich Bibel und Predigtstichworte, von seinem erhöhten Podium aus einen Schwall an Ermahnungen, Rügen, Belehrungen, Aufmunterungen, Ratschlägen über die erwartungsvollen Kirchgänger auf ihren harten Holzbänken herabregnen lässt. Gebannt lauschen sie jeden Sonntag seinen eindringlichen Reden.

Der Kirchenmann spart nicht mit Vorwürfen: `Höre doch, Mensch! wie die Vögel auf den Bäumen ihrem Schöpfer ihr Loblied singen, wie früh sie anfangen. Und du schweigst. Schämst du dich nicht?‘ (1. Betrachtung, Ueber die Zweige der Bäume, §11).

Mit erhobenem Zeigefinger werden die Abtrünnigen zur Wandlung gemahnt: `Sünder! der Neumond erinnert dich, daß auch du zum neuen Menschen werden sollst.‘ (2. Betrachtung, Ueber Mond und Sterne, §7).

Die Menschen sollen sich auf eine direkte Beziehung zu Gott einlassen: `Das allerbeßte Gespräch ist die Unterredung mit Gott. Allein auch das ist eine Sprache, die den meisten unbekannt ist.‘ (30. Betrachtung, Ueber die Zunge und Sprache, §7).

Weder Ulber selbst, noch jeder andere Mensch soll vom rechten Glauben abweichen: `Zeige mir noch so viele Religionen und Kirchen. Ich laße mich nicht irren, ich finde doch keinen beßern Heiland, als ich schon habe.‘ (6. Betrachtung, Ueber eine Gluckhenne, §6).

Die Bibel vermittelt die Sicherheit des Glaubens, die jeder Erschütterung standhält: `O du vortrefliches Evangelium! nun ich dich vollends höre, nun bin ich meiner Sache so gewiß, daß ich mich nicht fürchtete, wen auch jetzt die Erde unter meinen Füßen zu zittern anfienge.‘ (18. Betrachtung, Ueber die Berge, §14).

Frommen Christen winkt die Belohnung: `Laß mich vielmehr unter den Gesegneten seyn und zu der Gemeine der Erstgebohrnen, und der vollendeten Gerechten in den Himmel kommen.‘ (13. Betrachtung, Ueber eine Menge Volks, §14).

Insbesondere diejenigen, welche sich mit der Natur anfreunden und sittsam leben, erwartet ein freudiges Ende: `Ich weis auch, daß mein Erlöser lebt, und daß alle rechtschaffne christliche Naturalisten in den Himmel kommen.‘ (60. Betrachtung, Ueber den Winter, §12).

Um den entschiedenen Worten des Pastors mehr Nachdruck zu verleihen und das Innere seiner Zuhörer noch mehr zu treffen und zu bewegen, wurden die Predigten wahrscheinlich von Klängen aus der Schnitger-Orgel eingerahmt. Ein Fortissimo dieses mächtigen Instruments sollte die Seelen der Gemeinde näher zu Gott bringen und damit den Zweck seiner Ausführungen untermalen.

 

7. Mann der Kirche, des Glaubens und der Worte

Pastor Christian Samuel Ulber war ein überaus engagierter evangelischer Geistlicher und Prediger des 18. Jahrhunderts. Seine sprachlichen Fähigkeiten, die Leser und Zuhörer in seinen Bann zogen, sollten seinem Auftrag zur Ehre gereichen; ein Pastor sollte das Wort Gottes verkünden und seine Gemeinde für seine Botschaft gewinnen: ` Das nenne ich Ehre, wenn ein Gottesgelehrter auch ein guter Redner ist.‘ (Gedanken von der wahren Ehre eines Gelehrten, p292).

Seine Kontakte in die Hamburger politische und wirtschaftliche Oberschicht als leitender Pastor einer wichtigen Kirche und als Theologe und Gelehrter Teil der Bildungselite gaben ihm ein Gewicht im Gefüge des Stadtstaates. Aufgrund seiner Position erhielt seine Forderung nach Rückbesinnung auf Bibel und Frömmigkeit für diejenigen, welche seine Predigten hörten oder lasen, ein größeres Maß an Bedeutung und die Hoffnung auf Erlösung: `Laß mich und alle meine Leser aus dem Natur- und Gnadenreich endlich bis ins Himmelreich kommen. Amen!‘ (Vorbericht XXIV).

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Zur Ergänzung finden sich in der Bibliothek einige Titel (die Pastor Ulber allerdings kaum erwähnen, mit einer Ausnahme):

Thiess Johann Otto, Versuch einer Gelehrtengeschichte von Hamburg nach alphabetischer Ordnung mit kritischen und pragmatischen Bemerkungen. Erster Band. Hamburg 1789 (Ulber ist Nr. 655).

A.XI.2 / 178

Daur Georg, Von Predigern und Bürgern. Eine hamburgische Kirchengeschichte von der Reformation bis zur Gegenwart. Agentur des Rauhen Hauses. Hamburg 1970.

A.XII.1.a / 029

Witte Johann, Zuverläßige Nachrichten von den Evangelisch-Lutherischen Predigern in der Stadt Hamburg, und in deren alleinigen und gemeinschaftlichem Gebiete, vom Anfang der Religionsverbesserung bis auf diese Zeit, nebst den Funktionen der Kirchen. Hamburg 1791.

A.XII.1.a / 190

Mohaupt Lutz, Die Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg. Baugeschichte, Kunstwerke, Prediger. Friedrich Wittig Verlag, Hamburg 1982.

A.XII.3 / 074a

700 Jahre St. Jacobi zu Hamburg 1255-1955. Festschrift aus Anlass der 700-Jahrfeier zusammengestellt und hrsg. durch den Kirchenvorstand der Hauptkirche St. Jacobi zu Hamburg. Hamburg 1955.

A.XII.3 / 075

Die Arp-Schnitger-Orgel der Hauptkirche St. Jacobi Hamburg. Festschrift aus Anlass der Wiederweihe am Sonntag - Septuagesimae - 29. Januar. Hamburg 1961.

A.XII.3 / 090

 

 

Weitere Besonderheiten...

 

...vorgestellt im Sommer 2022

 

Unsere Sammlung alter Hamburg-Führer

präsentiert von Lilja Schopka-Brasch

In unserer Vereins-Bibliothek findet sich eine umfangreiche Sammlung historischer Reiseführer, die die Entwicklung Hamburgs und seiner Umgebung abbildet, darunter sind Exemplare, die es nur noch in unserer Vereinsbibliothek gibt. Aus dieser Sammlung wurde bereits ein Hamburg-Führer bei unseren „Besonderheiten“ vorgestellt (siehe unten im Anschluss an diesen Text: Ein besonderer Reiseführer). Nun folgen weitere Informationen zur Sammlung und zu einzelnen Ausgaben.

Die Sammlung umfasst 287 Reiseführerexemplare diverser Ausgaben und Auflagen aus vier Jahrhunderten. Der Sammler Richard Firch erläutert seine Auswahl:

Unter dem Begriff ‚Hamburg-Führer‘ habe ich alle Stadtbeschreibungen (Topographien) handlichen Formats zusammengefasst, deren Zweck es war, den ‚Einheimischen und Fremden‘ einen Überblick über die Stadt (und deren Umgebung) und über die für die Reisenden interessanten Einrichtungen und Sehenswürdigkeiten zu vermitteln. Sie beschreiben entweder die Stadt (und Umgebung) insgesamt oder auch nur einzelne Stadtteile wie Altona, Harburg und Bergedorf. Einbezogen wurden Veranstaltungsführer mit einer Beschreibung Hamburgs. Hafen- und Wanderführer ohne Stadtbeschreibung sowie Führer, die nur einzelne Institutionen beschreiben, und sogenannte Verkehrsbücher wurden nicht berücksichtigt, desgleichen keine Reisehandbücher, die in einem größeren Zusammenhang auch Hamburg beschreiben wie […] der Baedecker.

Erschließen lässt sich die Sammlung mittels einer Bibliografie, die Richard Firch auf Grundlage seiner Sammlung sowie umfangreicher Recherchen in weiteren Privatsammlungen und Bibliotheken erstellt hat, chronologisch nach Verlegern geordnet. Hier hat er Stadtführer von 1668 bis 1939 erfasst und Abbildungen zahlreicher Einbände mit aufgenommen. Einleitend gibt er einen Überblick über die Geschichte der Reiseführer und ihrer im 19. Jahrhundert einsetzenden rasanten Entwicklung. Technische Neuerungen im Buchdruck, aber auch Veränderungen im Stadtbild und die zunehmende Zahl Reisender durch den Ausbau der Verkehrsnetze steigerte die Nachfrage nach Reisehandbüchern und machte ihre stetige Aktualisierung notwendig.

Nach Richard Firchs Recherchen stammt der älteste Hamburg-Führer aus dem Jahr 1668. Der Autor Kunrat von Hövelen schildert darin zunächst die Geschichte Hamburgs von ihren Anfängen bis ins ausgehende 13. Jahrhundert. Er beschreibt die Stadt und ihre Kirchen, die nähere und weitere Umgebung, kommentiert Kulturelles und Kulinarisches und informiert über Unterbringung und Unterhaltung. Seine Ausführungen untermalt er mit zahlreichen Zitaten früherer Geschichtsschreiber. vhg bib besonderheiten Reisefhrer 2 Signatur AII2a 0042

vhg bib besonderheiten Reisefhrer 1 Signatur AII2a 001

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Hamburgs Annehmlichkeiten von einem Ausländer beschrieben“ führen uns ins Hamburg des ausgehenden 18. Jahrhunderts. In Briefen schildert der Autor die Anreise per Schiff und auf dem Landweg, beschreibt Spaziergänge in und um Hamburg und erläutert Ess- und Trinkgewohnheiten der Einheimischen. Die erweiterte Neuauflage enthält neben weiteren Spaziergängen 134 Paragrafen mit praktischen Informationen zu Ankunft, Aufenthalt und Abreise mit detaillierten Angaben zu Sitten und Bräuchen, zu Preisen sowie Verhaltensempfehlungen für Ortsfremde, Geschäftsleute wie privat Reisende.

Heinrich Meyers „Fremdenführer oder Hamburg und seine Umgebung“ von 1827 erschien wenige Jahre nach dem Ende der Franzosenzeit mit folgender Begründung:

„Die seit Hamburgs Wiedergeburt, sowohl innerhalb seiner Mauern, als außerhalb derselben Stattgehabten mannigfachen und bedeutenden Veränderungen der staatswirthschaftlichen Verhältnisse und örtlichen Beschaffenheit, führten natürlicher Weise auch sehr bald das Verlangen nach einem neuen statistischen und topografischen Handbuche, einem sogenannten Wegweiser für Fremde, herbei.“

Dieser Reiseführer beschreibt die Stadt vor allem anhand von Institutionen, Gebäuden, Vereinen und Gesellschaften sowie Denkmälern. Detailliert beschriebene Spazierrouten erschließen das Umland. Ein umfangreiches Verzeichnis enthält Adressen von Konsulaten, Ärzten, Juristen oder Fremdsprachenlehrern, von Unterkünften, Speiselokalen und Postämtern. Ein Stichwortverzeichnis gibt schnelle Orientierung.vhg bib besonderheiten Reisefhrer 3 Signatur AII2a 013a

Schon diese kleine Auswahl lässt erkennen, dass die Sammlung Einblicke in städtebauliche, sozialgeschichtliche oder verkehrstechnische Entwicklungen gibt. Seit den 1850er Jahren wurden die Hamburg-Führer auch als Werbeträger genutzt. Mehr über unsere Hamburg-Führer können Sie demnächst in dieser Rubrik erfahren.

 

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Eine besonderer Reiseführer

Dem Verein wurde eine Sammlung Reiseführer aus der Zeit vom 17. bis 20. Jahrhundert von einem Mitglied gestiftet (siehe oben)

Aus dieser Sammlung möchten wir einen in Hamburg nur in unserer Bibliothek vorhandenen Titel vorstellen:

"Richtiger Wegweiser auf Reisen von der Stadt Hamburg und anderen großen Städten durch ganz Deutschland nebst Meilenanzeiger und Verzeichniß aller Münzen die in Deutschland gangbar sind, wie auch christliches Gebetbuch und Gesänge zur Haus-Andacht und auf Reisen zu gebrauchen."
(erschienen ca. 1780 mit einem Titelkupfer von 1765; Druck: A. P. Wichers. 216 Seiten, 1 Faltplan)

Darin enthalten, ist die mutmaßlich älteste Beschreibung St. Paulis.

Wenn Sie mehr darüber in Erfahrung bringen wollen und im alten "Wegweiser" blättern möchten, freuen wir uns über Ihren Besuch in der Vereinsbibliothek.

 

 

...vorgestellt im Herbst 2015

 

Antje Büttner präsentiert uns ein außergewöhnliches Fotoalbum, das "Die Bergung der Avaré" zeigt:
Die zur Vorlage beim Seefahrtsamt erstellte Dokumentation der Bergung des im Juni 1922 gekenterten brasilianischen Dampfers Avaré. Die Mappe mit 24 Originalfotografien wurde im Auftrag der Bugsier Bergungs- und Rettungsgesellschaft vom Hamburger Fotografen Otto Reich erstellt.

Die vordere Umschlagseite ist beschriftet mit:

Die Bergung der "Avaré"
Brutto Reg. T 8227.  Netto Reg. T 4952
gekentert im Hamburger Hafen am 16. Juni 1922.
aufgerichtet am 17. August 1922.
Überreicht durch die
Bugsier-, Reederei-und Bergungs-Aktiengesellschaft.

Am linken Rand befindet sich eine handgemalte Flagge in den Farben rot, weiss, weiss, blau mit den Buchstaben B /R/ B /A. Seit 1919 das Firmenzeichen der Bugsier AG, dem damals größten Schleppbetrieb Hamburgs, der 1866 unter der Bezeichnung "Vereinigte Bugsir-Dampfschiffgesellschaft" gegründet wurde. Im Inneren der Mappe zunächst ein "Inhalts-Verzeichnis" mit Datierung und kurzer Beschreibung der folgenden 24 Fotografien, beginnend am Tag des Unfalls. Fast alle Aufnahmen am rechten unteren Rand, über dem Stempel des Fotografen numeriert. Die Zahlen, schon im Negativ eingefügt, weichen von der Chronologie der Übersicht ab.

bibliothek besonderheiten avare 2017 
Zur Geschichte der vorangegangenen Havarie: Nach einer Generalüberholung auf der Vulkanwerft kenterte der Dampfer beim Ausdocken. 26 Seeleute und 13 Hafenarbeiter fanden den Tod. Ursache des Unglücks war die unzureichende Auffüllung des Doppelbodentanks. Die frei beweglichen Wassermassen gerieten beim Andrehen der Schleppkähne in Bewegung und brachten das Schiff in die verhängnisvolle Seitenlage. ”Vier Schlepper hatten das brasilianische Schiff rückwärts aus dem Dock verholt. Es neigte sich sogleich stark nach Backbord, wobei die offenen Bullaugen bereits Wasser übernahmen, richtete sich kurz wieder auf, krängte hinüber nach Steuerbord und kam dabei schließlich zum Kentern.”(www.fof-ohlsdorf.de)

Für die Bergung des im Ellerholzhafen liegenden Schiffes wurden am Kai des Schuppens 132 Holzpfähle in den Boden gerammt als Halt für 22 schwere Dampfwinden (Zugkraft 5 Tonnen), deren Zugseile und Flaschenzüge zur Avaré führten. Die Aufstellung der Winden (Firma Podeus) ist auf der Abbildung mit der Ziffer 26 in unserem Album zu finden. Die letzte Fotografie der Mappe zeigt die Situation nach der erfolgreichen Aufrichtung am 7. September 1922. Eine ausführliche Beschreibung der Bergungsarbeiten mit tagelangen Tauchgängen, dem Einsatz von neuen Hebelböcken, Bergungsschiffen und Hebekränen findet sich in der im Herbst 2016 erschienenen Jubiläumsschrift: “150 Jahre Bugsier” von Jan Mordhorst.

Ursprünglich stammte die Avaré von der Bremer Vulkan Werft (Stapellauf 5.12.1912) und wurde vom Nordtdeutschen Lloyd unter dem Namen “Sierra Salvada” als Fracht-und Passagierschiff für die Südamerika-Route genutzt. 1917 beschlagnahmt, fuhr sie nach Ende des Ersten Weltkrieges unter brasilianischer Flagge für die Lloyd Brasileiro, die das Wrack nach dem Unfall unbedingt loswerden wollte. Der Berliner Reeder und Kaufmann Victor Schuppe kaufte die Avaré dann 1923, ließ sie umbauen und mit einem zweiten, blinden Schornstein versehen. Nichts sollte mehr an die unglückliche Havarie erinnern. Als “Peer Gynt” wurde das Schiff fortan für Kreuzfahrten ab Hamburg eingesetzt. Bis zur Abwrackung 1963 in Wladiwostok fuhr der Dampfer schließlich unter drei weiteren Namen bei verschiedenen Reedern.

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Historisch wertvoll kann man den fotografischen Bericht über die bis heute größte Bergungsaktion im Hamburger Hafen nennen. Als Zeitdokument liefert die Bilderfolge bei näherer Betrachtung viele Hinweise zum damaligen Stand der Hafen-und Bergungstechnik, den Arbeitsprozessen und Unternehmensverbindungen in und um den Hamburger Hafen. Die Fotografien sind von ausgezeichneter Qualität, bis in den Hintergrund sind viele Details zu erkennen. Aufgrund des großen öffentlichen Interesses erhielten verschiedene Hamburger Institutionen eine Ausgabe des Bergungungsberichts, darunter auch der Verein Hamburger Rheder. Aus deren Dankesschreiben vom 20. Dezember 1922 :
“Das Werk verdeutlicht in überaus anschaulicher Weise eine Tätigkeit, die Ihre Firma unter den schwierigsten Verhältnissen mit dem Willen auf Gelingen übernahm und mit einem Resultat durchführte, für das dem deutschen Bergungswesen und insbesondere der Bugsier-, Reederei- und Bergungs-A.G. die Anerkennung und weiterer erfolgreicher Aufstieg zweifellos nicht versagt bleiben wird.”

Die Herkunft unseres Exemplars ist noch nicht geklärt, die darin enthaltenen Originalabzüge aus Silbergelatine sind mittlerweile ein wenig angegriffen. “Ausssilbern” nennt man den Prozess, der durch den Lichteinfluss der vergangenen Jahrzehnte in Gang gesetzt wurde. Daher befindet sich das Album jetzt im blauen Schrank der Bibliothek des Vereins für Hamburgische Geschichte bis es für den nächsten interessierten Nutzer herausgeholt wird. Im Lesesaal des Staatsarchivs ist es möglich eine Sammlung von Zeitungsartikeln zu der Schiffshavarie von 1922 einzusehen. 

"Die Bergung der Avare" Signatur AVI 3c/158

(Vgl. dazu auch: Jan Mordhorst, 150 Jahre Bugsier. 2016, Signatur A.VI.3.c / 157)